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Miteinander reden in Zeiten großer Aufgeregtheit

Ingo Seeligmüller

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<h1>Miteinander reden in Zeiten großer Aufgeregtheit</h1>

„Gut, dass wir darüber geredet haben“ lautete in meiner Studienzeit ein sarkastischer Kommentar, den Sozialwissenschaftler gerne bemühten, um einer gescheiterten Kommunikation etwas Positives abzuringen. Als immergleiche Pointe der unterschiedlichsten Psychologenwitze machte diese Schlussfolgerung damals die Runde.

Bereits in den frühen 80er Jahren hatte der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun sein berühmtes Werk „Miteinander reden – Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation“ veröffentlicht. Es folgten Band zwei und drei, die sich mit Stilen, Werten und situationsgerechter Kommunikation befassen und den Aufbau der zwischenmenschlichen Kommunikation erklären – für Sozialwissenschaftler eher eine Mikro-Perspektive, geht es ihnen doch hier vielmehr um das große Ganze: die öffentliche Kommunikation oder einfach „die Öffentlichkeit“ als Nukleus der freiheitlichen Demokratie.

Die Art und Weise wie wir Menschen miteinander reden, wenn wir uns direkt (face-to-face) gegenüberstehen, hat sich seither - bis auf einzelne Begrifflichkeiten und Betonungen – in der Regel nur wenig verändert. Was sich aber mit dem Internet als „neuem“ Massenmedium seit Mitte der neunziger Jahre verändert hat, ist die Art und Weise und die Häufigkeit, in der wir heute öffentlich kommunizieren können und es spätestens seit dem Aufkommen von Social Media und dem Smartphone auch massenweise tun. Durch die gewaltige Ausweitung der Kommunikationsmöglichkeiten und die Beschleunigung der Kommunikation im Allgemeinen hat sich schleichend und gravierend auch die Art und Weise, wie sich die individuelle Meinungsbildung und politische Willensbildung der Bürgerinnen und Bürger vollzieht, verändert. Die schiere Menge an unterschiedlichen Informationen, die wir heute tagtäglich aufnehmen und verarbeiten müssen, machen die Komplexität der Welt sichtbarer denn je und lässt manche daran scheitern. Hate-Speech und Fake-News sind Phänomene, die sich besonders in reifen Demokratien, in denen die freie Meinungsäußerung ein hohes Gut ist, rasant verbreiten und ein besorgniserregendes Ausmaß annehmen. Einfache Lösungen, die letztlich keine sind, haben wieder Konjunktur.

Gut beschrieben wird dieser kommunikative Klimawandel in einem Streitgespräch, das Friedemann Schulz von Thun mit dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen geführt hat und das in dem gemeinsamen Buch „Die Kunst des Miteinander-Redens – Über den Dialog in Gesellschaft und Politik“ (2020, Carl Hanser Verlag, München) veröffentlicht wurde. Darin versuchen die beiden Experten ihres Fachs Auswege aus der Polarisierungsfalle in Zeiten der großen Gereiztheit und der populistischen Vereinfachungen aufzuzeigen. Gemeinsam entwerfen sie eine Ethik des Miteinander-Redens, die Empathie und Wertschätzung mit der Bereitschaft zum argumentativen Streit und zur klärenden Konfrontation verbinden soll. Ich habe das Buch gerne gelesen und empfehle es ebenso gerne weiter. Ob das Buch aber zu einer Schule der Demokratie und des guten Miteinander-Lebens werden kann, wie die beiden Autoren hoffen, ist fraglich. Denn miteinander zu reden, setzt immer auch die grundsätzliche Bereitschaft, voneinander lernen zu wollen, voraus.

Als pragmatische Anleitung zum gewinnbringenden Diskurs sei an dieser Stelle daher auch noch auf die "Rechte und Pflichten derer, die von ihren Mitmenschen lernen wollen" verwiesen, eine Sammlung von Kommunikationsregeln, die 1994 aus den Schriften Karl Poppers und Hans Alberts abgeleitet und in der Zeitschrift „Aufklärung und Kritik – Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie“ (1. Jahrgang, Nr. 1., März 1994) veröffentlicht wurden:

  • Jeder Mensch hat das Recht auf die wohlwollendste Auslegung seiner Worte.
  • Wer andere zu verstehen sucht, dem soll niemand unterstellen, er billige schon deshalb deren Verhalten.
  • Zum Recht, ausreden zu dürfen, gehört die Pflicht, sich kurz zu fassen.
  • Jeder soll im Voraus sagen, unter welchen Umständen er bereit wäre, sich überzeugen zu lassen.
  • Wie immer man die Worte wählt, ist nicht sehr wichtig: es kommt darauf an, verstanden zu werden.
  • Man soll niemanden beim Wort nehmen, wohl aber das ernstnehmen, was er gemeint hat.
  • Es soll nie um Worte gestritten werden, - allenfalls um die Probleme, die dahinterstehen.
  • Kritik muss immer konkret sein.
  • Niemand ist ernstzunehmen, der sich gegen Kritik unangreifbar gemacht, also 'immunisiert' hat.
  • Man soll einen Unterschied machen zwischen Polemik, die das Gesagte umdeutet, und Kritik, die den anderen zu verstehen sucht.
  • Kritik soll man nicht ablehnen, auch nicht nur ertragen, sondern man soll sie suchen.
  • Jede Kritik ist ernstzunehmen, selbst die in böser Absicht vorgebrachte; denn die Entdeckung eines Fehlers kann uns nur nützlich sein.

Mit Anstand, Disziplin und Wohlwollen sowie mit einer unbedingten Lern- und Kompromissbereitschaft kann Dialog und Verständigung gelingen. Wir helfen Ihnen dabei, den Dialog mit Gesellschaft und Politik zu führen. Lassen Sie uns darüber miteinander reden.